Briefkopf

Fastentuch 2018 

Im Stephansdom wird seit einigen Jahren die alte Tradition eines Fastentuches von zeitgenössischen Künstlern neu interpretiert. Dieses Jahr hat die Künstlerin Lisa Huber (Kärnten – Wien – Berlin) ein großformatiges Werk geschaffen (16,40 x 6,40 m), das uns auf dem Weg nach Ostern nicht nur den Blick auf den Hochaltar verhängen soll, sondern unsern Blick für das Leben schärfen will – gerade weil das Leben so fragil und kurz sein kann.

Die Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch mit dem Aufstreuen der Asche auf den Kopf: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub wieder zurückkehren wirst.“ Echtes Gebet ist nicht nur Lobpreis, sondern bringt auch diese menschliche Hinfälligkeit und Kontingenz zum Ausdruck. Gerade der Psalm 90 aus dem Alten Testament, der ein Bezugspunkt für Lisa Huber gewesen ist, schöpft aus diesen Lebenserfahrungen, verdichtet sie gleichsam.

„Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus;

sie gleichen dem sprossenden Gras.

Am Morgen grünt es und blüht, am Abend wird es geschnitten und welkt.

Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig.

Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin. …

Unsre Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“

In den einzelnen Bildelementen des Fastentuches sind abstrakte schwarze Scherenschnitte in Sticktechnik künstlerisch umgesetzt. Es bedarf sicher der Geduld der meditierenden Betrachtung, so wie die Psalmen auch nur mit Lese- und Hörgeduld den wirklichen Sinn des Textes erfassbar machen. Nicht eindimensionale Zuordnungen werden sichtbar, sondern immer neue Gedankenanstöße, die im Letzten – so wie das Leben auch – fragil bleiben. Der Urgrund dahinter ist mit dem biblischen Alpha und Omega, dem Anfang und Ende symbolisch erkennbar. Begleitung auf dem Weg des Schauens wird uns mit den drei großen Glaubensvätern geschenkt: dem ganz auf Gott vertrauenden Abraham, dem mit Gott ringenden Jakob und dem dichtenden und Harfe spielenden David.

Zu Ostern wird das Tuch gewendet, und zeigt uns im hellblauen Grund mit Silberfäden eine Ahnung der Auferstehung. Uns steht die Erneuerung unseres Lebens in dieser Fastenzeit bevor, da ist eine Bitte des Psalm 90 auch gewiss hilfreich: „Lass das Werk unserer Hände gedeihen, ja lass gedeihen das Werk unserer Hände.“ (Dompfarrer Toni Faber)

LISA HUBER

  • Geboren 1959 in Villach
  • Lebt in Berlin, Wien und Villach.
  • Kunstgewerbeschule Graz
  • Bildhauerei bei Prof. Pillhofer, Graz
  • Universität für angewandte Kunst, Wien
  • Zahlreiche internationale Ausstellungen und Beteiligungen.
  • Zyklen nach biblischen Themen und der christlichen Überlieferung stehen im Mittelpunkt ihres Schaffens.
  • Seit 2007 Auseinandersetzung mit den Psalmen in der Übersetzung von Buber Rosenzweig in Holz- und Papierschnitten, Kirchenfenstern und großformatigen bestickten Tüchern (u.a. Fastentuch in Klagenfurter Dom, 2017 und Stephansdom, Wien 2018).
  • www.lisahuber.de

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