Briefkopf

Fastentuch und Kunstprojekt mit dem österreichischen Künstler Erwin Wurm

Fastenzeit – Ostern – Lange Nacht der Kirchen 2020

Freies Menschsein ohne alle Deformierungen / Herzenserwärmende Nächstenliebe als der Gradmesser für eine erneuerte innere Freiheit und Gottesbeziehung.

Ein Fastentuch in Form eines 80 m2 gestrickten violetten Pullovers umhüllt den barocken Hochaltar und erinnert imposant an die Priorität der wärmenden Nächstenliebe als eine Grundsäule der Vorbereitungszeit auf Ostern.

Am Stephansplatz, an der Außenfassade neben dem Singertor, fordert uns die großformatige bekannte Skulptur „Big Mutter“ in Form einer überdimensionierten Wärmeflasche mit menschlichen Füßen zur gleichen Bewegung der Mitmenschlichkeit heraus.

Eigenartig entstellte und deformierte Skulpturen von Erwin Wurm laden im Innenraum des Domes ein, über die eigenen Begrenzungen nachzudenken:

Ein Mann ohne Kopf und Hände, Körper, die nur mehr von der Akten- und Handtasche definiert werden oder gar nur als abgepackte Würstchen erfahrbar sind, bieten Gewissenspiegel und Hinterfragungspotenzial für die je eigene Freiheit und deren Einschränkungen. Deformierte Gebäude und Gegenstände eröffnen neue Perspektiven auf die Kraft und Möglichkeit unserer Erneuerung aus dem Glauben. Wie viel an gutem Willen und entgegengesetztem Rückfallen in alte Verhaltensmuster erleben wir in unserem eigenen Leben? Und auch die Gewalt, die nicht nur den Märtyrern des Nationalsozialismus angetan wurde, lässt Leben erschüttert und verformt zurück.

Kann und schafft es moderne zeitgenössische Kunst von Erwin Wurm im Raum der Domkirche, uns anzuregen? Insbesondere in der Vorbereitungszeit auf Ostern, uns diesen Deformierungen unseres Lebens besser zu stellen? Wir stolpern sogar im heiligen Raum der Kirche über diese Entstellungen, die wir gerade auch in unserem Nachdenken und Beten nicht einfach zur Seite stellen können.

Ob im Mittelgang des Domes oder auch in der Vierung des Querschiffes bis hin zu den beiden Kapellen unter den Türmen: Der Kampf zwischen dem Menschen, der ich bin und dem, der ich sein könnte wird offenbar – ob aus der leuchtenden Botschaft der Märtyrer des Glaubens in der Barbarakapelle oder aus der Taufkapelle, als der Quelle für ein Leben aus dem Glauben.

Die österliche Bußzeit ist der Auftakt für eine Befreiung von den Deformierungen unseres Lebens und unserer Umwelt. Fasten und Beten machen uns frei von der Dominanz des Konsums und lassen uns die Schieflagen in unserem Leben erkennen. Die Priorität der christlichen Nächstenliebe in einem wärmenden und leuchtenden Miteinander ist nicht zu überbieten.

Die biblische Trias „Fasten – Beten – Almosengeben“ bekommt in der Begegnung mit diesen Skulpturen neuen Geschmack und natürlich eine ihr eigene Anstößigkeit, die von keinem oberflächlichen religiösen Gefälligkeitsritual eingeholt werden kann.

Fastentuch 2020

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